Die Lücken-Strategie der AfD (und warum sie verdammt gut funktioniert)
Mit Gefühlen, Identitätsangeboten & Dorfkneipen: Wie die AfD auch ohne Wahlkampf gewinnt.
Rekordergebnis, historischer Erfolg, Verdopplung. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich bin es leid, jedes Mal so zu tun, als wären solche AfD-Ergebnisse (und die Schlagzeilen darüber) eine Überraschung. Sie sind es nicht. Und deshalb schauen wir heute nicht auf die Schlagzeilen, sondern auf das, was dahintersteckt. Das ist nämlich alles andere als angenehm:
Die AfD hat diesen Erfolg nicht allein geschafft. Sie hat die Lücken gefüllt - im ländlichen Raum, bei jungen Menschen, bei Arbeiter*innen - die Andere hinterlassen haben. Und dass sie diese Lücken nichtmal mit konkreten Lösungsangeboten (oder überzeugenden Kandidaten) füllen MUSS, das haben diese beiden Landtagswahlen wieder einmal bewiesen:
Sie füllt sie mit Wut, die sie kanalisiert und in politische Energie verwandelt.
Sie füllt sie mit Narrativen, die selbst dann funktionieren, wenn sie die Wahrheit verdrehen, weil sie treffen, was Menschen fühlen (bevor Fakten überhaupt eine Chance haben).
Sie füllt sie mit Identitätsangeboten, die u.A. junge Menschen ansprechen, die mit der AfD aufgewachsen sind und von anderen Parteien nicht genug adressiert werden .
Und sie füllt sie mit Orten, echten, physischen Treffpunkten und zwar dort, wo Menschen sonst nur noch wenige Möglichkeiten haben, um zusammenzukommen.
Das ist die eigentliche Strategie. Und eben diese Lücken-Strategie der AfD funktioniert unabhängig davon, ob ein Spitzenkandidat wirklich überzeugt, ob ein Vetternwirtschaftsskandal die Partei verfolgt oder der Verfassungsschutz vor ihr warnt. Diese Strategiearbeit beginnt weit vor dem Wahlkampf und sie läuft weit nach ihm weiter. Und sie erklärt, warum die Ergebnisse keine Überraschung sind, sondern das Ergebnis von Jahren.
Und weil dieser Kontext genau soviel Aufmerksamkeit verdient wie das AfD-Prozente-Wachstum, geht es hier heute um:
Narrative & Wut: Warum Skandale abprallen und die AfD trotzdem - oder gerade deshalb - aus inhaltlicher Überzeugung gewählt wird.
Arbeiter*innen, Jungwähler*innen, Nichtwähler*innen: Wen die AfD gezielt anspricht und warum ihre Strategie aufgeht.
Taskforces, Dorfkneipen, Marktplätze: Wie die AfD physische Orte schafft und was das über ihre Langzeitstrategie verrät. Plus: Gibt es eine gläserne Decke bei 20 Prozent für die Partei?
Legen wir los:
1. Narrative schlagen Fakten - die Gegenlogik der AfD
Skandale, Vetternwirtschaft, umstrittene (oder gar abwesende), blasse Sitzenkandidaten, all das scheint die Wähler*innen nicht abzuschrecken.
Die Rückmeldung zu Spitzenkandidat Jan Bollinger in Rheinland-Pfalz? Gerade mal 11 Prozent der Wähler*innen zeigten sich zufrieden mit seiner Arbeit, nur 13 Prozent gaben an, die AfD wegen ihres Kandidaten zu wählen. Auch, dass der eigene Landesverband von internen Machtkämpfen und Vorwürfen der Vetternwirtschaft geplagt war, schien spätestens auf der Wahlparty längst vergessen, Bollinger drehte den Spieß sogar um: „Die CDU hat kein Interesse daran den roten Filz aufzuklären, sie möchte ein Teil davon werden”. Das Publikum johlte. (Quelle: taz)
Was Bollinger hier macht, nämlich den Filz-Vorwurf einfach umzudrehen, ist kein Zufall und kein rhetorischer Trick. Es ist eine konsistente Gegenlogik:
Wer grundsätzlich davon überzeugt ist (bzw. Andere davon überzeugen will), dass „die da oben” korrupt sind und Medien lügen, für den ist ein Skandalvorwurf gegen die AfD kein Beweis, er ist Bestätigung. Bestätigung, dass das System die einzige echte Opposition bekämpft.
Die AfD hat diese Logik nicht erfunden. Aber sie setzt immer wieder auf diesen Frame: Nur wir sind demokratisch, alle anderen nicht - und wenn wir mal NICHT demokratisch sind, liegt es daran, dass die anderen uns dazu “zwingen”, dass sie uns so sehr bekämpfen, dass wir, zum Beispiel, eigene Verwandte einstellen müssen, weil wir sonst niemandem trauen können.
Wer diesen Frame einmal angenommen hat, kann Vetternwirtschaft und Verfassungsschutz-Einstufungen gleichermaßen abperlen lassen. Das ist keine Irrationalität, das ist eine andere Rationalität und sie lässt sich nicht mit Fakten allein aufbrechen.
Dazu kommt:
👉 Die AfD macht Wut zur Strategie: Was für die AfD wichtig ist: Auf Gefühle zu setzen. Themen so emotional wie möglich zu besetzen. Sie bietet einen Platz für Gefühle, die das ausdrücken, was bei vielen ankommt und vorliegt: Wut, “die Wut auf die Migration, auf die woken Kräfte, auf die etablierten Parteien. Das ist ihr auch in Rheinland-Pfalz gelungen. In den Wahlkampfhallen wurde etwa die Mär beklatscht, Deutschland zahle 10,5 Millionen Euro an Indien, damit dort trans Personen den E-Rikscha-Führerschein machen können. Tatsächlich aber flossen lediglich 180.000 Euro der zehn Millionen Euro in dieses Projekt, wie die Bundesregierung dokumentiert.” (Quelle: Zeit)
Solange sie dieser Wut Ausdruck gibt, fragt niemand nach tatsächlichen Lösungen (zum Beispiel für wirtschaftliche Fragen).
2. Die AfD wird aus inhaltlicher Überzeugung gewählt.
Ist eine AfD-Wahl eine Protestentscheidung? Der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der Universität Halle-Wittenberg sieht bei AfD-Wähler*innen ein Misstrauen in die Politik insgesamt:
“Entweder halten ihre Wähler die Vorwürfe für erfunden oder zumindest aufgebauscht. Oder aber sie zweifeln die Existenz des Skandals zwar nicht an, finden in den anderen Parteien aber trotzdem keine Alternative, die ihre Position verträte.” (Quelle: Zeit)
Hinzu kommt: Laut der Forschungsgruppe Wahlen basiert der Erfolg der AfD in Rheinland-Pfalz auf einem Mix aus Protest, Unzufriedenheit und echter inhaltlicher Überzeugung. Es handele sich längst nicht mehr um eine Protestwahl, sagt die Sprecherin des Arbeitskreises Parteienforschung in der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, Anna-Sophie Heinze, von der Uni Trier. (Quelle: Zeit)
Das deckt sich auch mit den Zahlen: 47 Prozent der AfD-Wähler*innen in Rheinland-Pfalz gaben an, die Partei aus inhaltlicher Überzeugung gewählt zu haben: „Die AfD verfügt damit über eine gefestigte und inhaltlich überzeugte Stammwählerschaft.” (Quelle: Spiegel)
3. „Die AfD ist keine Ostpartei mehr.”
So beschreibt es Prof. Dr. Lewandowsky in der Zeit. Die AfD kommt im Westen an. Und sie bleibt. Gerne wird die AfD als sog. „ostdeutsches Problem” dargestellt - sowohl medial, als auch gesellschaftlich wird der Blick wenn es zum Beispiel um die Landtagswahlen geht, auf die in ostdeutschen Bundesländern gerichtet.
Dass die AfD als „Ostproblem” gilt, ist auch eine Entlastungsstrategie: Wenn das Problem “im Osten” sitzt, bin ich/sind wir “im Westen” nicht betroffen. Muss nichts getan werden, kann man wegschauen. Dass dieses Bild so nicht hält, belegen diese beiden Landtagswahlen jetzt erneut
👉 Woher kommt der Aufschwung im Westen?
Lewandowsky erklärt, die AfD gewinne im Westen ihre Wähler*innen vor allem in Regionen, die von starkem Strukturwandel betroffen seien, und profitiere von Abstiegsängsten. Dass die Partei in Ostdeutschland noch höhere Zustimmung erfahre, liege zum einen an einer geringeren historischen Parteibindung als im Westen.
“Zum anderen gibt es ein verbreitetes Misstrauen in die herrschende Politik, oft kombiniert mit der Vorstellung, vom “Westen” nach wie vor übervorteilt zu werden. Der AfD gelingt es, an diese Einstellungen anzuknüpfen.”, so Lewandowsky. (Quelle: Zeit)
Anna-Sophie Heinze ergänzt eine strukturelle Dimension: Die AfD habe sich inzwischen eine relativ feste Stammwählerschaft aufgebaut, auch im Westen. Für diese Wähler*innen stellten die anderen Parteien schlicht keine Option mehr dar. Heinzes Einschätzung: „Wenn die AfD nicht mehr zur Wahl stünde, würden die meisten von ihnen gar nicht mehr wählen gehen.” (Zeit, 22.03.2026)
👉 Und noch etwas kommt dazu: Ein Prozess, auf den demokratische Parteien bisher keine Antwort gefunden haben, zu dem sie in Teilen sogar beitragen:
Die AfD profitiert von der zunehmenden Normalisierung von Rechtsaußenpositionen in der Gesellschaft, auch weil andere Parteien diese Rhetorik zunehmend übernehmen.
Entgegen dem Kalkül, damit AfD-Wähler*innen zurückzugewinnen, hat die Partei dadurch vermutlich sogar noch hinzugewonnen.
4. Die AfD wird zur Arbeiterpartei (ohne etwas dafür zu tun)
Schon bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg wählten 37 Prozent der Arbeiter*innen die AfD, elf Prozentpunkte mehr als noch 2021. CDU und SPD schnitten in dieser Gruppe schlechter ab. (Quelle: SWR)
In Rheinland-Pfalz war das Bild ähnlich: 39 Prozent der Arbeiterinnen stimmten für die AfD, die SPD kam auf 26, die CDU auf 25 Prozent.
Zum historischen Vergleich: 2001 lag in Baden-Württemberg der Stimmanteil der CDU unter Arbeiter*innen noch bei 48 Prozent, der der SPD bei 32 Prozent. (Quelle: SWR)
👉 Was treibt diese Wählergruppe zur AfD? Zentrale Faktoren sind laut Wahlforscher*innen:
die Angst vor sozialem Abstieg
das individuelle Gefühl, weniger am gesellschaftlichen Wohlstand beteiligt zu werden
die Sorge, den eigenen Lebensstandard nicht halten zu können
Knapp 80 Prozent der AfD-Anhänger*innen in Rheinland-Pfalz teilen diese Angst, obwohl fast 70 Prozent ihre aktuelle wirtschaftliche Lage als gut bewerten. Es geht also nicht um aktuelle materielle Not, sondern um Zukunftsangst.
Und darin steckt der Kern: Die AfD gewinnt keine Wähler_innen, weil es ihnen schlecht geht. Sie gewinnt sie, weil sie Angst haben vor dem, was noch kommen könnte. Das ist schwerer zu adressieren als materielle Not - und einfacher zu befeuern.
Darin steckt auch eine SPD-Geschichte: Die AfD als stärkste Kraft in der Arbeiterschaft bedeutet den Verlust einer traditionell sozialdemokratischen Wählergruppe.
👉 Eine höhere Wahlbeteiligung schützt übrigens nicht automatisch vor AfD-Erfolgen. In Baden-Württemberg gewann die AfD vor allem Stimmen von ehemaligen Nichtwähler*innen hinzu, deutlich mehr als von ehemaligen CDU- oder FDP-Wähler*innen. In Rheinland-Pfalz war das Muster dasselbe: Wie keiner anderen Partei gelingt es der AfD, frühere Nichtwähler*innen an die Urne zu bringen. (Quelle: Spiegel)
👉 Erfolge bei bestimmten Zielgruppen sind aber kein Zufall. Bereits in einem 2025 geleakten Strategiepapier hatte die AfD konkrete Mobilisierungszielgruppen aufgezeigt, dazu gehört auch ihre sog. Stammwählerschaft, wie zum Beispiel: Arbeiter*innen, Jungwähler_innen und Menschen auf dem Land.
Was sich bei diesen Landtagswahlen zeigt, ist also keine spontane Entwicklung, sondern auch das Ergebnis gezielter Strategie.
5. Die Strategie bei jungen Menschen: ein politisches und ein Identitätsangebot
Bei den 18 bis 24-Jährigen wurde die AfD in Rheinland-Pfalz stärkste Kraft. Vor allem junge Männer mit mittleren Bildungsabschlüssen sehen bei der AfD offenbar eine hohe Problemlösungskompetenz. (Quelle: Zeit)
Wie kommt es dazu? Dieses Zitat der jugendpolitischen Expertin Anna Grebe zu den Landtagswahlen 2024 passt aus meiner Sicht damals wie heute:
„Junge Menschen wählen aus denselben Gründen die AfD wie ältere Menschen: weil sie mit den Positionen der Partei in Teilen übereinstimmen, nicht aus Protest.
Da sich keine der anderen Parteien in den vergangenen Jahren ernsthaft und glaubwürdig für die Perspektiven und Themen junger Menschen interessiert hat (Wohnen, Bildung, Sicherheit, Mobilität), verfangen die Versprechungen der AfD besonders gut, denn gerade für Erstwähler*innen ist seit ihrer Kindheit die AfD eine völlig normale Partei neben anderen Parteien und somit auch wählbar.
Statt also Debatten allein über die schlechte Kommunikation der demokratischen Parteien mit der jungen Wähler*innenschaft zu führen (TikTok und Co.), sollte nun ganz oben auf der politischen Agenda stehen, junge Menschen zu befragen und nachhaltig an der Gestaltung der Zukunft in Deutschland zu beteiligen.” (Quelle: Adé AfD)
👉 Wenn wir uns nur für junge Menschen interessieren, wenn es um ihre Rolle als Erstwähler*innen vor oder nach einer Wahl geht – und in Wahlprogrammen kaum Lösungen und Ansätze für sie genannt werden, findet eine Partei wie die AfD Anklang, auch, weil es wenig Alternativen oder Angebote gibt.
👉Vor allem bei jungen Männern kommt eine zweite Dimension dazu: Die AfD macht ihnen nicht nur ein politisches Angebot, sie macht ihnen ein Identitätsangebot. Stark sein dürfen, Beschützer sein, raus aus der Rolle des braven, angepassten Jungen. Das ist dokumentierte Rekrutierungsstrategie.
Wer die AfD bei jungen Männern verstehen will, muss also auch über Männlichkeitsbilder reden. Mehr dazu findet ihr zum Beispiel in dieser Adé AfD-Folge über die Ansprache von Kindern und Jugendlichen durch die AfD.
6) Die AfD schafft Begegnungsorte und damit angebliche Normalität
In Rheinland-Pfalz hat die AfD begonnen, statt klassischer Wahlkreisbüros Treffpunkte zu eröffnen, die abends zu Kneipen werden, mit Aperol-, Zigarren- und Flammkuchen-Abenden. (Quelle u.A.: Table Media)
Im Hunsrücker Gonzerath hat die AfD zum Beispiel seit über einem Jahr eine Gaststätte angemietet. (Quelle: taz)
Damit versucht die Partei besonders in strukturschwachen Gegenden gesellschaftliche Lücken zu füllen, oft dort, wo es nur wenige Orte gibt, an denen Menschen überhaupt noch zusammenkommen können. Das ist kein spontanes Phänomen. Für die Landtagswahlen 2026 hat die Partei hierfür die sogenannte „Taskforce Südwest” ins Leben gerufen und möchte ihre Erfolge auf weitere westdeutsche Bundesländer übertragen. (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung)
Die bürgerliche Fassade dieser Strategie ist dabei bewusst gewählt:
Der Landesverband gab sich im Wahlkampf bürgerlich und volksnah. Die taz schreibt dazu: “So richtig glaubwürdig scheint das nicht angesichts von Wahlkampfauftritten von Matthias Helferich (das selbsternannte „freundliche Gesicht des NS“) oder der rechtsextremen Liedermacherin Jule Juls. Man gibt sich bieder und volksnah, will auf dem Land punkten, wo Anti-Eliten-Erzählungen auf konservative Traditionen treffen.” (Quelle: taz)
Expert*innen beobachten dabei eine enge Verflechtung der AfD mit rechtsextremen Vorfeldorganisationen: “Auch neonazistische Strukturen wie der „III. Weg“ oder Jugendgruppen der „Jungen Nationalisten“ (Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“) gewinnen in Rheinland-Pfalz an Zulauf”. (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung,)
Und nein, diese Strategie ist nicht neu. Politikberater Johannes Hillje beschreibt das Vorgehen der Partei so:
“Sie tingelt ja schon jahrelang in Brandenburg, aber auch in den anderen ostdeutschen Bundesländern über die Dörfer, sie ist sehr präsent auf Marktplätzen. Das haben die anderen Parteien sehr stark vernachlässigt, das sind regelrechte Parteiwüsten entstanden. Und in diese Lücke ist die AfD hereingestossen und hat über das persönliche Gespräch mit Menschen ein anderes Image, einen anderen Eindruck von sich erzeugt, als das, was man über die Medien über sie hört.” (Quelle: ntv)
Diese Strategie nennt sich „Normalisierung von unten". Und sie funktioniert, auch weil sie nicht auf Wahlkämpfe wartet. Denn neben Social Media braucht es für Narrative, Wutansprachen, Identitätsangebote auch Räume, in denen man Zielgruppen ansprechen, erobern, halten kann.
All das bleibt nicht ohne Widerspruch. Auch aus der Zivilgesellschaft formieren sich neue Bündnisse, Engagierte vor Ort halten dagegen, oft ohne große Schlagzeilen, oft auf eigene Kosten. Was sie brauchen, ist Aufmerksamkeit, Vernetzung und das Wissen, dass sie nicht allein sind.
Ich empfehle uns dazu u.A. diesen Artikel der Amadeu-Antonio-Stiftung, die mit Engagierten aus verschiedenen Regionen in Rheinland-Pfalz gesprochen haben.
7) Die gläserne Decke hält - noch.
Tatsache ist: Die AfD scheint sich im Westen bei etwa 19 Prozent eingependelt zu haben und erzielt diese Werte auf breiter Basis. Aber wir sehen auch: Sie schafft es damit maximal, das vorhandene Potential auszuschöpfen. Der rheinland-pfälzische Spitzenkandidat, unterstützt von breiter Bundes- und Landesprominenz, konnte das Ergebnis nicht über die Umfragewerte hinaus steigern. In Baden-Württemberg landete die AfD sogar darunter.
Wahlforscher*innen prognostizieren diese gläserne Decke schon lange: Sie läge leicht oberhalb von 20 Prozent, dort wo die AfD auch bei der Bundestagswahl 2025 ankam. Ob sie diese Grenze bis 2029 im Westen wirklich erweitern bzw. sogar durchstoßen kann, bleibt auch nach diesen beiden Landtagswahlen offen – und weit von sicher. (Quelle: Zeit)
Die gläserne Decke hält also, aber nicht unbedingt aus den Gründen, die wir gerne hätten.
Sie hält nicht (nur), weil die demokratische Parteien überzeugender geworden wären. Sie hält auch, weil die AfD ihr eigenes Potenzial bereits weitgehend ausgeschöpft hat. Der innere Kern ihrer Wählerschaft ist zwar vorhanden, aber er wächst nicht mehr beliebig.
Die good news: Von einer gesellschaftlichen Mehrheit für eine Mitte-Rechts-Regierung sind wir weit entfernt. Wie die Kollegen vom Substack-Newsletter „ÜBER RECHTS” schreiben:
“Ein solches Bündnis entspräche nicht dem Mehrheitswillen der Wähler, ganz unabhängig von der parteipolitischen Brandmauer. In Baden-Württemberg waren laut Infratest dimap nur 27 Prozent der Wähler der Ansicht, dass die AfD an der nächsten Landesregierung beteiligt sein sollte, 70 Prozent antworteten mit Nein. In Rheinland-Pfalz fielen die Werte sehr ähnlich aus. Auch mehr als 80 Prozent der CDU-Wähler sprechen sich jeweils gegen eine Beteiligung der AfD an der Landesregierung aus.
Eine Wechselstimmung zugunsten der AfD ist das nicht. Anders gesagt: Wenn rund 70 Prozent gegen eine Regierungsbeteiligung der AfD sind, dann steht die gesellschaftliche Brandmauer.”
👉 Diese 70 Prozent sind eine wichtige Zahl. Denn die Zahl ist nicht statisch. Wenn andere Parteien weiter die AfD-Rhetorik übernehmen (in der Migrationspolitik, in der Sprache, in ihren Narrativen und Frames…) - und wir es zulassen, dulden, nicht aufschreien - dann verschieben sich solche Werte weiter. Nicht weil die AfD überzeugender wird. Sondern weil sich der Rahmen verschiebt, in dem Menschen urteilen.
Zum Abschluss: Was wir alle tun können
Was diese Wahlen zeigen: Die AfD gewinnt nicht (nur) im und durch Wahlkämpfe. Sie gewinnt in der Zeit davor, dazwischen, auch währenddessen - und danach. In Kneipen, auf Marktplätzen, mit Wutansprache, Identitätsangeboten, wo sonst keine sind, mit Narrativen, die sie jahrelang aufgebaut hat, bevor auch nur eine einzige Wahlkampfbroschüre gedruckt wurde.
Gute Nachricht Nr. 1: Über 70 Prozent wollen das nicht.
19,5 Prozent für die AfD sind keine Überraschung und genau das ist die gute Nachricht Nr. 2. Wer versteht, warum die AfD stark ist, wer nicht jedes Mal aufs Neue „überrascht” wird, kann dieses Wissen nutzen. Wir alle können dieses Wissen nutzen.
👉 Deshalb für uns alle drei konkrete Punkte zum Anfangen:
1) Zivilgesellschaft stärken, gerade jetzt. Wenn Programme wie Demokratie Leben gekürzt werden, sehen wir die Konsequenzen nicht sofort, sondern in Jahren. Dazu gehört auch, politische Organisationen wie Gewerkschaften in die Pflicht zu nehmen. Dort, wo sie ihr Stammklientel verlieren, steht die AfD schon bereit.
Die Hans-Böckler-Stiftung hat im August 2025 eine Studie darüber herausgebracht, wie die AfD von Krisen, Ängsten und Benachteiligungsgefühlen profitiert. Große Leseempfehlung.
2) Demokratische Narrative wirklich glaubwürdig machen. Rheinland-Pfalz und der umgedrehte Filz-Vorwurf sind ein Lehrstück: Wer den Rahmen nicht selbst setzt, findet sich plötzlich darin wieder.
3) Die AfD nicht nur verstehen, sondern dieses Wissen auch einsetzen und uns aktiv gegen das wehren, was sie verbreiten. Deren spalterischen Narrative übernehmen in der Hoffnung, selbst zu überzeugen? Hilft am Ende nur der AfD.
Dazu empfehle ich uns allen von Herzen diesen ZEIT-Artikel von Christian Bangel über das Landtagswahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt mit dem passenden Titel “Warum regt das eigentlich keinen mehr auf?”:
“Dieses ganze Wahlprogramm ist eine weitere Verschiebung dessen, was in Deutschland sag- und denkbar ist und was man andeuten kann, ohne dass man riskieren muss, sich komplett unmöglich zu machen. (…) Noch vor wenigen Jahren hätte ein solches Programm Entsetzen und Empörung ausgelöst. Aber die bundesweiten Demonstrationen gegen die AfD, gerade in kleineren Orten des Ostens eine große Hoffnung, haben sich totgelaufen, auch weil viele im Mitte-rechts-Spektrum sich von den Protesten mitgemeint fühlten. Es lässt sich kaum abstreiten, dass die AfD eines ihrer wichtigsten Ziele bereits erreicht hat: Ihre Ansichten sind zunehmend normalisiert, sie werden teils von demokratischen Parteien kopiert, und viele ihrer Gegner sind abgestumpft. (…) Dass die AfD nun auch öffentlich bekennt, was man von ihr eh längst erwartet, ist für viele gar kein Aufreger mehr.”
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Ehrlich? Nur ein Tiktok Verbot befreit uns von diesen Narrativen der AFD. Die ‚politische Bildung’ bei den 18-29 jährigen findet dort statt.
Meinst Du, dass Social Media nicht die Wahlergebnisse bei Erwachsenen mit erklären kann? Ich möchte anzweifeln, dass der Durchschnitt der Erwachsenen eine größere Medienkompetenz hat als der Durchschnitt von jungen Menschen.
Ich möchte hier auf die aktuelle Ausgabe von "Neu Denken" (Mission Wertvoll, Maja Göpel) zum Thema Individualismus mit Ferda Ataman verweisen.
Weiterhin habe ich im übrigen gestern eine interessante Recherche vom YouTuber The Morpheus gesehen, der auf ein Social Media mit einer etwas anderen Sicht blickt. Er hat plausible dargelegt, dass da einige ein großes Interesse zu haben eine Altersbeschränkung einzuführen und letztlich damit eine ganzheitliche Überwachungsarchitektur geschaffen wird. Das Video ist zwar nerdig, aber trotzdem bzgl. der Sache sehr wichtig https://youtu.be/4EGOyxHhW_Q?is=01jNIVtkh-QTkCro