Was die AfD besser macht als andere Parteien.
Und warum der Begriff "Protestwähler" uns weiter in die Irre führt.
Das sind keine Protestwähler*innen.
Ich sage diesen Satz immer wieder. In Workshops, auf Podien, in Gesprächen. Und trotzdem taucht der Begriff immer wieder auf: Protestwähler, Protestwählerin. Wie ein Mythos. Wie die stille Hoffnung, dass das alles nicht so ernst gemeint ist – und dass man diese Menschen schon irgendwie zurückgewinnen wird.
Ich halte diese Annahme für gefährlich. In Landtagswahlen in 2026 holte die AfD bisher bis zu und um die 20%. Laut des letzten Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest Dimap würden 41% in Sachsen-Anhalt für die Partei stimmen. Laut derselben Umfrage vertrauen 82 Prozent der Befragten nicht mehr darauf, dass der Staat seine Aufgaben erfüllt. 82 Prozent!
Das ist kein Protest. Das ist eine Vertrauenskrise.
In dieser Ausgabe schaue ich deshalb mit Prof. Dr. Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, genau hin:
Warum AfD-Wählerinnen die loyalsten Wähler sind - und was das für alle bedeutet, die darauf setzen, sie zurückzugewinnen.
Warum politisches Misstrauen vor allem auf das Konto der AfD einzahlt - und wieso das kein Zufall ist.
Was die eine Sache ist, die die AfD besser macht als die anderen Parteien.
Seine Antworten haben mich nachdenklich gemacht - und gleichzeitig bestätigt, was ich seit Monaten in diesem Newsletter schreibe: Wir brauchen bessere (oder überhaupt!) demokratische Narrative.
Deshalb gibt es, bevor wir loslegen, ein spontanes Schmankerl für alle, die sich diese Woche auf der Berliner re:publica treffen: Kommt am 18.5., also HEUTE ABEND, um 18:45 zu meiner Session “Gegen den Selbstsabotagemodus!”
Ich verspreche: Das wird kein Mecker-Abend. Was es gibt: 26 konkrete, erprobte Strategien, wie wir wirksam demokratisch - über und in der Demokratie - kommunizieren können. Proaktiv. Mutig. Ohne Entschuldigung.
Marcel Lewandowsky trefft ihr auch auf der re:publica - und zwar am Dienstag im Atrium 2 zum Thema “Flood the Zone with Burnout: Wie rechte Strategien Aktivist*innen massenhaft ausbrennen lassen und was wir dagegen tun können”. Freut euch auf schlaue Analysen mit spannenden Menschen - und jede Menge konkrete Gegenstrategien!
➡️ Los geht’s mit unserem Gespräch:
Du bist selbst kein Fan des Begriffs Protestwähler - woran liegt das?
Weil der Begriff des Protestwählers impliziert, dass er sich ganz schnell wieder umentscheiden kann, wenn man ihm nur schnell ein gutes Angebot macht. Das ist deshalb problematisch, weil wir wissen, dass Menschen, die die AfD wählen, nach Lage unserer Daten am wenigsten wechselbereit sind. Und die loyalsten gegenüber der jeweiligen Partei.
Stell dir mal vor, Du hast eine Partei, die wählst Du eigentlich meistens. Und Du hast aber immer irgendwie noch eine Zweitpartei im Hinterkopf. Der Kandidat gefällt dir nicht, die macht mal blödes Programm - und dann wählst Du vielleicht die andere Partei. Diese Bereitschaft gibt es bei AfD-Wählern in dieser Form nicht.
Diese Wähler gehen vielleicht ins Nichtwählerlager, wenn sie mit der AfD nicht einverstanden sind, was es aber kaum gibt: Dass sie im großen Stil bereit wären, zurück zu einer anderen Partei zu gehen.
Das ist auch meine Hauptkritik an diesem Protestwähler-Bild, das in den Medien gerne aufgegriffen wird, auch in der Politik im Übrigen. Es impliziert: grade die könnte man zurückgewinnen. Und das, was ich sagen würde: grade die kann man nicht zurückgewinnen. Das ist ja das Problem.
Dieser Newsletter ist und bleibt kostenlos. Was mir wirklich sehr hilft: Wenn ihr ihn teilt. Allen schickt, die ihn brauchen könnten. Und wir immer mehr werden. 💜
Protest klingt nach: Der meint das nicht so. Ist das Problem die Definition?
Es ist sehr schwer, Protest zu definieren. Warum? Weil Wahlverhalten sehr komplex ist. Gehen wir zum Beispiel von einer Positivdefinition aus und sagen: Wenn die Unzufriedenheit sehr hoch ist, dann wählt man eine bestimmte Partei - ist das dann ein Protestfall? Oder sagt man, wenn jemand eine Partei wählt, obwohl er ihr ideologisch nicht nahesteht - ist das dann auch ein Protestfall?
Bei der AfD ist es eine Kombination: Menschen, die die Partei wählen, haben tatsächlich eine starke Unzufriedenheit mit der Politik, sind aber gleichzeitig auch ideologisch sehr nah an der AfD.
Kannst du das an einem Beispiel festmachen?
Der Protest bei AfD-Wählern ist zum Beispiel nicht zu vergleichen mit dem von Wählern der Piratenpartei damals. Die wenigsten Menschen, die die Piratenpartei in den Zweitausender Jahren gewählt haben, waren, glaube ich, überzeugt vom Konzept der Liquid Democracy - wenn sie es überhaupt kannten. Das war so eine Art der Protestwahl, weil sie sich nicht abspielte vor dem Hintergrund der Übereinstimmung mit dem Programm.
Bei der AfD ist es anders und das wissen wir schon seit 2013: Menschen, die die AfD wählen, stehen im politischen Spektrum sehr weit rechts, haben eine sehr starke Antimigrationsposition - dazu kommt dann gleichzeitig eine sehr starke Unzufriedenheit mit der Demokratie, sowie das Misstrauen und die populistischen Einstellungen.
Ist deshalb Protest als Erklärung für eine AfD-Wahl ein Problem?
Genau, aus meiner Sicht ist es irreführend, wenn wir den Begriff der Protestwahl für die AfD weiter benutzen, weil er verschleiert, dass es da eine starke Übereinstimmung zu den inhaltlichen Positionen zwischen Wählerschaft und Partei gibt.
Aber wenn diese Einstellungen schon seit Jahrzehnten da sind – warum führen sie erst jetzt zur AfD-Wahl?
Parteien wie die AfD profitieren nicht von kurzfristigem Protest, sondern von einer langfristigen Krisenwahrnehmung. Und diese Krisenwahrnehmung ist nicht erfunden, sondern schließt an real existierende Probleme an.
In der Forschung sprechen wir von der sogenannten Aktivierung populistischer Einstellungen. Das bedeutet ganz verkürzt: Menschen haben eine lang anhaltende Krisenwahrnehmung und glauben, dass Dauerprobleme nicht durch Politik gelöst werden. Wirtschaftskrise, Coronakrise, Klimakrise, alles Themen, von denen Menschen glauben, dass sie ihre persönliche Freiheit einschränken.
Und wenn man diese Wahrnehmung über längere Zeit und gleichzeitig das Gefühl hat: “Menschen wie mir wird es schlechter gehen und die Politik ist daran schuld”, dann aktiviert das vorhandene Einstellungen, zum Beispiel gegen Migration. Plötzlich ist Migration ein riesiges Thema - und das wirkt sich auf das Wahlverhalten aus.
Der Effekt dahinter heißt External Efficacy und beschäftigt sich mit der Frage, ob sich die Politik um die Belange von “Menschen wie mir” kümmert. Diese External Efficacy ist bei Menschen, die populistische Parteien wählen, besonders gering ausgeprägt; sie haben also einen sehr geringen Glauben daran, dass sich um Leute wie sie gekümmert wird. Deshalb funktioniert hier Populismus auch sehr gut.
Long story short: In einer Atmosphäre der andauernden Krisenwahrnehmung mit einer nicht performenden Bundesregierung spielen bestimmte Einstellungen eine starke Rolle - und die führen zur Wahl der AfD.
Neu hier? Adé AfD ist der Newsletter für alle, die Haltung zeigen. Die Demokratie verteidigen. Narrative knacken und neu denken. Schlauer debattieren. Die Hoffnung nicht verlieren wollen. Ich bin Franzi von Kempis, Politik- & Kommunikationsberaterin, KI-Spezialistin. Ihr sucht Workshops oder eine Keynote-Speakerin? Schreibt mir.
Die AfD erzielt bundesweit hohen Zuspruch in Umfragen - nicht nur im Osten. Aber gerade hier zeichnen sich die höchsten Umfragewerte ab. Du sagst selbst, die AfD ist keine Ostpartei. Aber warum gibt es hier den höheren Zuspruch, gerade in Sachsen-Anhalt?
Ich finde grundsätzlich, wir müssen davon wegkommen, die AfD als ein sog. “Ostphänomen” zu bezeichnen. Das ist sie nicht, Punkt eins. Punkt zwei ist aber, dass im Osten bestimmte Aspekte hinzukommen, die sich besonders günstig auf die Unterstützung für die AfD auswirken.
Es gibt in Ostdeutschland nach wie vor eine sehr viel geringere Parteibindung. Das bedeutet konkret:
Es gibt hier sehr viel schwächere Strukturen der politischen Parteien, was dann teilweise auch zusammenfällt mit einer schwachen Infrastruktur in manchen Regionen, insbesondere auf dem Land. All das sind Katalysatoren dafür, dass solche Parteien gewählt werden.
Dazu kommt etwas, was die AfD sehr gerne aufgreift: das vererbte Narrativ, abgehängt zu sein oder übervorteilt worden zu sein. Nicht nur bei denjenigen, die Wendebedingte Enttäuschungen erlebt haben, sondern auch bei denjenigen, die in der Familie Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise und andere Formen der Kränkung erfahren haben; dort ist diese Vorstellung, selbst bei denjenigen, die die Wende gar nicht mitbekommen haben, relativ ausgeprägt, dass man als Ostdeutscher von Westdeutschen von oben herab behandelt wird.
Laut Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest Dimap vertrauen nur 6 Prozent der Befragten darauf, dass der Staat seine Aufgaben sehr bis sehr gut erfüllt. Kann man also sagen: Das Vertrauen in den Staat ist beschädigt?
Was man sagen muss bei solchen Umfragen: Wenn man danach gefragt wird, wie sehr man darauf vertraut, dass der Staat seinen Aufgaben nachkommt, dann löst das bei den Befragten natürlich auch eine gewisse Assoziationskette aus. Du denkst an Infrastruktur, du denkst an Regierungen, du denkst an die Polizei und du denkst an den Bundestag – und das ist also keine ganz präzise Frage mit Blick auf bestimmte Institutionen.
Ich glaube aber dennoch, das dieses Umfrage-Ergebnis etwas abbildet und zwar ein sehr groß gewordenes Misstrauen in das Handeln von Politik. Da spielen sowohl der Staat als Akteur, als auch die politischen Akteure selbst mit rein. Meine Vermutung ist, dass es da auch Zusammenhänge gibt: Menschen, die demokratischen Institutionen ganz stark misstrauen, misstrauen auch möglicherweise der Politik ganz stark.
Was wir außerdem sehen ist, dass sehr viele Menschen ein ganz geringes Vertrauen darin haben, dass sie zum Beispiel in einer Demokratie leben oder darin, dass Deutschland von Demokraten regiert wird. Und gleichzeitig haben diese Menschen eine große Unzufriedenheit damit, wie die Bundesregierung agiert.
Dann ist es wenig überraschend, dass genau diejenige Partei, nämlich die AfD, in der letzten Umfrage für Sachsen-Anhalt besonders stark ist, die eben diesen Unmut, diese Unzufriedenheit zu ihrem Programm gemacht hat.
Misstrauen in Politik und Misstrauen in den Staat - ist das dasselbe?
Nein, das unterscheiden wir stets in verschiedenen Umfragen. Das Vertrauen in Gerichte und Polizei ist immer relativ hoch, das Vertrauen in Politik und Parteien aber in der Regel relativ gering. Dazu gehört beispielsweise die Wählerschicht der AfD oder auch des BSW.
In anderen Umfragen gibt es Vertrauens-Items zur Institution und dann gibt’s Vertrauens-Items zur Politik - die korrelieren aber nicht zwingend miteinander. Du hast durchaus Menschen, die sehr starkes Misstrauen in Politik haben, aber sehr hohes Vertrauen in Institutionen.
Sind da die Gewerkschaften ein Beispiel? In den Betriebsratswahlen 2026 trat der befürchtete flächendeckende Rechtsruck, also die Wahl AfD-naher, rechter Listen erstmal nicht ein. Die Zustimmung zur Institution ist also noch relativ hoch - und trotzdem ist die AfD-Sympathie bei den Arbeiter*innen groß, wie man auch in den Landtagswahl-Ergebnissen sieht.
Das kann ich mir zumindest vorstellen. Das Misstrauen gegenüber der Politik richtet sich immer an die anderen. Menschen, die in Gewerkschaften organisiert sind und eine AfD-Neigung haben, die haben vielleicht ein relativ hohes Vertrauen in Gewerkschaften – schlicht und einfach, weil sie Mitglieder sind und weil sie, ich will’s mal so ausdrücken, den Laden kennen. Und haben aber gleichzeitig ein sehr, sehr niedriges Vertrauen in Politik. Das klingt für mich erst mal plausibel.
Profitiert am Ende also vor allem die AfD von sinkendem Vertrauen in Staat, Politik, Parteien?
Da würde ich gern mal eine grundsätzliche Überlegung anstellen, nämlich die, dass sich hohes Vertrauen nicht auswirkt, nur hohes Misstrauen. Wenn ein hohes Vertrauen da ist, dann sehen wir oft eine Wahl der moderaten Parteien. Aber hohes Misstrauen führt zur Wahl von Paria-Parteien.
Das, was uns in der Wahlforschung vor allem interessiert, ist Misstrauen. Misstrauen, das sehen wir in der Forschung, führt zu einer Abweichung von den moderaten Parteien des Status quo. Diejenigen, bei denen das Misstrauen hoch ist, die wählen dann Antisystem- oder Antiestablishment-Parteien – wie die AfD eine ist. Links wie rechts. In der Eurokrise wurden in Südeuropa die Linkspopulisten gewählt.
Aber natürlich: Wenn Menschen dem Staat, den Institutionen, nicht vertrauen, zahlt das auf das Konto von Parteien ein, die genau dieses Misstrauen artikulieren – also die AfD, aber auch das BSW.
Und so ehrlich muss man sein: Das kommt ja auch irgendwoher. Probleme mit der Infrastruktur, eine Bundesregierung, die mit ihren Reformen nicht so weitergekommen ist, wie sie sich das vorgenommen hat – und in manchen Regionen Sachsen-Anhalts eine tatsächlich schwierige wirtschaftliche Lage. Das ist dann ein gefundenes Fressen für die AfD.
Was macht die AfD aus deiner Sicht denn “besser” als die anderen Parteien?
Die AfD macht – aus meiner Sicht – eine Sache wirklich besser als alle anderen Parteien: Sie redet über Demokratie. Sie jazzt sozusagen die Unzufriedenheit der Wählerinnen zu einer Krise der Demokratie hoch. Das macht sie übrigens nicht erst seit gestern, sondern das macht sie seit 2016.
Man tut das gerne als Demagogie ab. Aber ich glaube, dass die AfD damit etwas tut, was die anderen Parteien eben nicht machen: Sie greift diese Unzufriedenheit beim Wähler auf. Sie gibt den Menschen das Gefühl, ihre Krisenwahrnehmung sei real, dass sie damit nicht alleine sind – und sie gibt ihnen eine Antwort.
Währenddessen verharren die anderen Parteien im Status quo und sagen: Unsere Demokratie ist gut, wir Parteien und Politikerinnen müssen nur unsere Politik besser erklären. Das funktioniert aber nicht.
Wenn du sagst, die AfD bietet den Menschen damit eine Antwort - wie sieht diese genau aus?
Die AfD denkt in Utopien. Sie bietet eine Alternativerzählung zur Realität an, in der die Menschen leben und die sie als zum Teil auch zu Recht als bedrohlich erleben.
Die Partei präsentiert also eine alternative Erzählung, und sei es nur: Wir machen es, wie es früher einmal war, denn da war es besser. Und auch das ist bereits eine Utopie. Es ist sogar im besten Sinne, denn das Früher, von dem die AfD spricht, ist ein absoluter Nichtort, das so nicht gab. Im Prinzip so eine Alternativwelt-Sechzigerjahre.
Den anderen Parteien fehlt also ein Narrativ?
Den anderen Parteien fehlt es, wie das meine Co-Autorin Anna-Lisa Neuenfeld auch beschreibt, an solchen Entwürfen, die mitreißen. Der Entwurf der AfD verfängt, weil er so tut, als gäbe es ein Früher, das man nur wieder reinstallieren müsste, wenn man die politischen Eliten auswechselt. Aber es ist ja auch möglich, von dieser Position aus, in der wir gerade sind, nach vorne zu gehen und andere Alternativentwürfe zu diskutieren.
Hinweis von Franzi: Das, was Marcel Lewandowsky hier beschreibt, ist kein unlösbares Problem. Wir alle können eigene Narrative, demokratische Alternativerzählungen setzen, die nach vorne zeigen statt zurück in ein Früher, das es so nie gab. Und es gibt bereits einige Adé AfD-Anleitungen und -Folgen genau zum Thema, warum unsere Demokratie und unsere Gesellschaft eigene, demokratische Narrative braucht - und wie das geht.
Du willst konkret verstehen, wie die AfD das Thema Demokratie - leider wirklich klug - kapert? Und was du als demokratisch-wirksam dagegen tun kannst? Dann ist das hier deine perfekte Newsletterfolge.
Du suchst nach einer Anleitung, wie Narrative funktionieren und wie wir als Demokrat*innen Alternativerzählungen selbst aufsetzen - ohne die AfD überhaupt zu erwähnen? Dann bitte hier entlang zur Narrative-für-Demokrat*innen-Werkzeugkiste.
Was können Parteien - und was können wir alle - tun?
➡️ Erstens: Das Thema Demokratie selbst nicht der AfD überlassen. Die Parteien unterschätzen das Thema Demokratie. Weil die Position der AfD und diese Krisenerzählung resoniert bei vielen Menschen, weil sie an ihre eigene Wahrnehmung anschließt, dass Demokratie für sie nicht funktioniert.
➡️ Zweitens: Eine Erzählung nach vorne richten, nicht zurück. Die AfD ist in der Lage, diese Ängste, die Menschen haben, dieses Abgehängtgefühl, auch diese politische Ohnmacht zu übersetzen in ein Narrativ. Ihr Angebot ist: Zurück zu einem mythischen Früheren. Ein Angebot der anderen Parteien – progressiven wie konservativen – kann aber eins sein, das nach vorne geht.
➡️ Drittens: Wirtschaftsthemen und Vermögensungleichheit adressieren. Ich glaube, Wirtschaft ist als Thema ganz entscheidend. Wir wissen aus verschiedenen Studien, beispielsweise von Lea Elsässer und Armin Schäfer, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen wirtschaftlicher Ungleichheit und der Zufriedenheit mit der Demokratie. Je ungleicher die Verteilung, desto größer auch das Misstrauen, desto geringer das Vertrauen in Demokratie.
Ich glaube, das ist etwas, da arbeitet die Regierung grade in eine ganz falsche Richtung. Weil dieses Vertrauen wird durch die Regierungspolitik überhaupt nicht wiederhergestellt.
Noch einmal: Ich meine nicht, es braucht diese eine ganz bestimmte politische Antwort oder Wirtschaftspolitik. Ich meine nur, es braucht eine, die den Menschen den Eindruck vermittelt, dass es auch eine Hoffnung darauf gibt, dass es mir und meinen Kindern besser geht, oder dass es meinen Kindern und Leuten wie mir in der Zukunft besser geht.
➡️ Ich sage Danke an Marcel Lewandowsky! Und am Ende nochmal für uns alle, wie Marcel hat es auch so klar bestätigt hat : Die AfD bietet eine Alternativerzählung. Kein Programm, keine Politik, sondern ein eigenes Narrativ - so gefährlich es ist.
Das Narrativ funktioniert, weil die Partei damit ein echtes Gefühl bei Wähler*innen aufgreift und an damit an etwas appelliert, was andere Parteien nicht tun: Sie greift die Krisenwahrnehmung der Menschen auf, gibt ihr einen Namen und eine Erzählung.
Wir müssen das auch tun. Nicht zurück in ein Früher, das es so nie gab. Sondern nach vorne, in eine Erzählung, die zeigt, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen.
Die gute Nachricht: Das geht. Wir können alle eigene, demokratische Narrative setzen. Wir müssen nur damit anfangen.
Nicht als Reaktion auf die AfD, sondern weil wir eine eigene Vorstellung davon haben, wie dieses Land aussehen soll.
Nicht mit denselben Mitteln, aber mit derselben Logik: Problem benennen, Lösung zeigen, Vision anbieten.
Nicht abstrakt, sondern konkret.
Nicht nur über Demokratie reden, sondern: Demokratie erzählen.
Dieser Newsletter ist und bleibt kostenlos. Mir als Autorin helft ihr am meisten, wenn ihr ihn abonniert, teilt und empfehlt.💜
🙋🏼♀️ Franzi als Politik- und Kommunikationsberaterin buchen:
Strategien für gesellschaftspolitische Positionierung und politische Kommunikation in Unternehmen, Verbänden, NGOs oder Parteien
Workshops zu Künstlicher Intelligenz, Demokratie am Arbeitsplatz, Umgang mit Populismus
Keynotes zu Kommunikation, Demokratie & Künstlicher Intelligenz
Mehr zu mir findet ihr hier
📲 Folgt mir gerne auf Instagram oder LinkedIn
📖 Mein Sachbuch “Anleitung zum Widerspruch” liefert klare Antworten auf Parolen, Vorurteile und Verschwörungstheorien. Zum Beispiel: Was sage ich bei rassistischen Sprüchen, wie reagiere ich auf Antisemitismus und kann ich lernen besser zu streiten (Spoiler: Ja!)?


Danke für den Text. Ich glaube, wir müssen auch die Arbeiterklasse wieder sichtbar machen. Sie ist ja existent, aber unsichtbar in der politischen Debatte, weil immer wieder auch suggeriert wird, wir alle gehörten zur Mittelschicht. Die Arbeiter wähnen sich als Wunsch in ihr, die Vermögenden als Schutzschirm. Unter dem Deckmantel machen sich dann Vermögende kommunikativ mit den Arbeitern gemein, um etwa höhere Besteuerungen zu vermeiden.
Aber fehlt es den demokratischen Parteien an einer Erzählung eines neuen, funktionierenden demokratischen und wirtschaftlichen Systems. Im Osten wissen wir, dass jedes System überwindbar ist. Anstatt das aber als Drohung zu begreifen, müssen Demokraten unsere Demokratie nach vorne denken, um sie zu erhalten und besser zu machen.
Darum: Reimagine Democracy und lasst uns neue Runde Tische ins Leben rufen. Aus Angst, das Alte zu verlieren, das Neue nicht in Betracht zu ziehen, gibt unsere Demokratie deren Feinden preis.
Freue mich sehr auf deinen Vortrag heute abend!